Die Telefonzelle

TelefonzelleAls wir 1983, genau am 19. Juli, unter furchtbaren Umständen vom Jugendamt in Begleitung eines Polizeiaufgebots aus dem desolaten Umfeld entführt wurden und in ein Kinderheim gesteckt wurden, war trotz der Umstände der Impuls am größten, so schnell wie möglich die nächste Telefonzelle aufzusuchen. Als es mir irgendwann gelang, rief ich meine Großmutter an. Es war total schrecklich, dass ich so desorientiert war. Man hatte mir während der Fahrt die Augen verbunden, damit ich den neuen Aufenthaltsort nicht verrate. Ich konnte der Oma durch den schweren Telefonhörer nur sagen, in welchem Dorf wir untergebracht waren. Es war mir wichtig, dass meine Oma wusste, wo wir sind und ich wusste damals schon, dass sie unseren Aufenthaltsort an die Mutter nicht verraten wird. Das tat sie auch nie. Als die Mutter später die Möglichkeit bekam, ihre Kinder im Heim zu besuchen, habe ich sie dort nie gesehen. Sie wird ihre Gründe dafür gehabt haben.

Ich habe die Mutter nicht ein einziges Mal aus einer Telefonzelle angerufen. Auch nicht, als ich nicht mehr heimlich eine Telefonzelle aufsuchen musste und vom Kinderheim aus telefonieren durfte. Ich war fast 12 Jahre alt, als ich mit meinen zwei jüngeren Brüdern ins Heim gesteckt wurde. Für mich war es damals nicht das erste Mal, aber am 19. Juli 1983 war es für immer. Glück gehabt!?

Obwohl sie so scheiße war, denke ich oft an sie und bin häufig sehr traurig.

[Eina]

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6 Kommentare zu “Die Telefonzelle

    • Vielen Dank für Deinen Kommentar. Dieses Ereignis gehört zu meiner Lebensgeschichte dazu und es ist wichtig für mich, endlich Worte für das Geschehene zu finden. Vieles kann ich noch gar nicht in Worte fassen und aussprechen, auch nicht gegenüber der Therapeutin. Es ist unaussprechbar präsent und ich lasse sie irgendwie mit dran teilnehmen. Ein Ereignis, eine Erinnerung in Worte fassen zu können und sogar aufzuschreiben ist für mich sehr viel wert und auch eine Entlastung, weil es endlich nach Jahrzehnten einen Weg gefunden hat und mitgeteilt werden darf. Es ist für mich in Ordnung, wenn meine Beiträge geliked werden und ich freue mich auch über Kommentare. Nicht weil ich für mich eine Bestätigung brauche, sondern weil der Ruf/die Stimme(n) aus der Innenwelt in die große weite Welt transportiert werden soll. Das möchte ich für mich als Blogger und passiv/aktiv im Rahmen meiner Möglichkeiten für Betroffene erreichen.

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      • Hab selber eine echt schwere Jugend überlebt.. nun bin ich alt, aber es hat sehr lange gedauert das zu verarbeiten… und manchmal kommt immer noch was hoch.
        LG, Petra

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      • Ja, die Verarbeitung traumatischer Erlebnisse dauert lange und es kostet leider auch viel Lebensqualität. Als ich 2003 mit der Therapie anfing, dachte ich, dass es schnell verarbeitet sei. Nun ist schon 2015 und seit drei Jahren mache ich eigentlich erst wirklich richtig spürbar positive Veränderungen in Richtung Verarbeitung und gutes Leben. Ganz weggehen wird es nie. Wichtig ist einen eigenen Weg zu finden, wie heute und in Zukunft besser damit umgegangen werden kann. Das Alter spielt auch eine wesentliche Rolle. Die Entwicklungen die ich jetzt mache, wären mit Anfang 30 undenkbar gewesen. Da herrschte das absolute Chaos, ich war außer Rand und Band.
        Ich wünsche Dir ein schönes Wochenende. Hoch „Karin“ läutet den Frühling ein und lädt in die Natur ein. Beste Voraussetzungen, um sich selbst etwas Gutes zu tun und sich Zeit für Angenehmes zu nehmen. Liebe Grüße!

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  1. Bin ja einerseits von der Möglichkeit des likens hier auf wordpress
    sehr angetan, aber wie Follygirl schon schreibt…..

    Wobei ich andererseits die therapeutische Wirkung des schreibens
    hoch achte, war sie doch vor Jahren mein Grund mit dem bloggen
    starten. Ich hatte/habe so eine klitzekleine Befreiung gefühlt, unfassbares
    in Worte zu fassen und es dann auch aus dem Kopf zu lassen, nicht mehr
    so sehr davon umklammert oder auch beherrscht zu sein.

    Ein kleiner Schritt und manchmal lässt sich die Wirkung auch nicht
    sofort erkennen, aber wenn…..einfach schön, die Vergangenheit
    darf ziehen.

    Herzliche Grüße♥

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    • Vielen lieben Dank für Deine Antwort. Die therapeutische Wirkung kann ich bestätigen, auch wenn ich eher zu den Schreibfaulen gehöre. Generell finde ich es sehr interessant zu beobachten, wie sich nach und nach die Perspektive auf die Sicht des Erlebten verändert. Manchmal dauert es eine Zeit wie beispielsweise beim Schreiben, aber sehr oft durfte ich in den letzten drei Jahren erleben, wie sich der Schalter im Hirn plötzlich umlegte und sich eine neue Sichtweise auf die Dinge darstellte. Es ist unbeschreiblich und ja, stimme Dir zu, die Vergangenheit darf ziehen.
      Wünsche Dir ein wunderschönes Frühlingswochenende 🙂 Liebe Grüße!

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