Unrecht bleibt Unrecht!

Hartmut von Hentig „Noch immer Mein Leben“, Wamiki Verlag, Berlin 2016

Stellungnahme des Betroffenenrats zu Hartmut von Hentigs Buch

Artikel in der Süddeutschen Zeitung

Reformpädagogik

Unter freien Sündern

Im neuen Band seiner Autobiografie, der knapp 1400 Seiten dick ist, erklärt Hartmut von Hentig seine Position zum Missbrauchsskandal an der Odenwaldschule.

Von Volker Breidecker

Als „wunderbar erzählten Bildungsroman“ hatte Elmar Tenorth den ersten Band von Hartmut von Hentigs Autobiografie gewürdigt (SZ vom 14. März 2007). Beide Bände von „Mein Leben – bedacht und bejaht“ füllen zusammen rund 1100 Druckseiten. Damals war Hentig noch eine unumstrittene Institution dieser Republik, ein Intellektueller, der sich häufig zu Wort meldete und dessen Wort allerorts zählte. Und er war die Ikone einer modernen, aufgeklärten und reformgeleiteten Pädagogik gewesen – bis zu seinem tiefen Fall 2010 im Gefolge des Skandals um die jahrzehntelang geduldeten und vertuschten Fälle sexuellen Missbrauchs an der Odenwaldschule (OSO), dem Flaggschiff der Reformpädagogik in Deutschland.

Die Öffentlichkeit erwartete ein klares Wort zur Rolle seines Freundes Gerold Becker

Dafür war Hentig nicht verantwortlich und wurde auch von niemandem verantwortlich gemacht. Was die Öffentlichkeit von Hentig allerdings erwartete und doch nie bekam, war ein klares Wort zur Rolle seines Freundes und Gefährten Gerold Becker, der als vormaliger Leiter der OSO der Haupttäter der an Schutzempfohlenen dort begangenen sexuellen Übergriffe war. Hentig aber nahm seinen bereits todkranken Freund in Schutz, verharmloste, insinuierte gar, dass Becker womöglich selbst das Opfer minderjähriger Verführer geworden sei; und schließlich schwieg Hentig über Jahre, nachdem er im Verlauf der Affäre sein Ansehen aufs Spiel gesetzt und verloren hatte.

Jetzt aber spricht er wieder: Hartmut von Hentig hat seiner Autobiografie einen 1400 Druckseiten umfassenden dritten Band hinzugefügt. Die erzählte Dekade von 2005 bis 2015 schnurrt dann freilich vollständig zusammen auf den OSO-Skandal samt Vorgeschichte und Folgen. Im Buch nimmt deren Schilderung annähernd 1000 Seiten ein, während die übrigen Kapitel wenig anderes thematisieren als Ersatznarrative und mehr oder minder deutliche Parabeln auf die nämlichen Vorgänge. Die auf diesen Seiten erzählten Ouvertüren, Betrachtungen und Novellen umrahmen eine Bekenntnisschrift: Bekenntnis und Rechtfertigung zunächst in eigener Sache; doch geht die stolze Rechtfertigung der eigenen Position dann doch wieder über in die Verharmlosung, Verschönerung, ja sogar Verklärung der Untaten eines verantwortungslosen Triebtäters zu „Verfehlungen“ eines wahrhaft Liebenden, eines „freien Sünders“.

Doch greifen wir dem – auch wenn der Autor dies andauernd selbst tut – nicht weiter voraus, denn Hentig schreibt hier weiter an seinem eigenen Bildungsroman, in dem der tote Freund eine herausragende Rolle einnimmt, nämlich die des überhöhten Objekts einer unglücklichen, weil unerfüllten Liebe. Diese Enthüllungen, auch das erstmals ausgesprochene Bekenntnis des bald 91-Jährigen zu seiner Homosexualität, relativieren die Bedeutung der dem Freundespaar unterstellten Lebenspartnerschaft und entlasten Hentig von einer ebenfalls insinuierten Mitwisser- oder gar Komplizenschaft.

Aus der Affäre entlassen ist Hentig damit allerdings nicht. Sein erneut ausgebreiteter Lebensroman bietet ein erschreckendes Bild von Ignoranz, Sprachlosigkeit und Unaufgeklärtheit – und gesteht zugleich ein, dass ihm eine die vielfältigen Möglichkeiten und Schicksale menschlicher Sexualität bedenkende „éducation sentimentale“ fehle. Sein Buch ist ein Lehrstück dafür, wie ein umfassend gebildeter Mensch und mit ihm eine ganze Gesellschaft – die sogenannte „bessere“ vorweg – in Anbetracht der Tabuisierung von Pädophilie und Pädosexualität, von sexuellem Missbrauch und seinen Folgen, vollkommen versagen und durch Verschweigen, Wegsehen oder Verharmlosen die Leiden derer, die als Kinder zu Opfern sexueller Gewalt geworden sind, vergrößern und perpetuieren.

Hartmut von Hentig beschreibt sich selbst als einen Menschen, der noch in der Vorstellungswelt des 19. Jahrhunderts gefangen gewesen sei, die keine Sprache für die Sexualität gekannt habe. Wörter und Begriffe wie Pädophilie und Kindesmissbrauch, sexuelle Übergriffe, sexuelle Gewalt und dadurch bedingte Traumata seien jenseits seiner Vorstellung und sprachlichen Auffassung geblieben und hätten folglich auch in seiner Pädagogik keinen Platz gefunden.

In einem der blitzhaften Momente der Besinnung, an denen dieses Buch nicht arm ist, auch wenn sie dann doch folgenlos bleiben oder flugs wieder abgewehrt werden, kommt ihm die Einsicht: „Vielleicht müsste ich mich in der Tat schämen, als ‚Pädagoge‘ wenig oder gar nichts von Pädophilie, von Übergriffigkeit und ihren Folgen gewusst zu haben.“ Hätte er es getan, müsste er eigentlich zu der Erkenntnis gekommen sein, den falschen Beruf ergriffen zu haben. Denn der gegenüber Kindern stets auch eine Machtposition verkörpernde Lehrer und Erzieher sollte um solches Machtgefälle und um seine Gefährdungen wissen. Bei Sigmund Freud, zu dessen Lektüre sich Hentig gerne bekennt, hätte er auf den lapidaren Befund stoßen können: „So findet sich sexueller Missbrauch mit unheimlicher Häufigkeit bei Lehrern und Wartepersonen, bloß weil sich diesen die beste Gelegenheit dazu bietet.“

Immerhin, und da ist Hentig aufrichtig, durchzieht das Ringen um eine adäquate Sprache für Dinge, die ihm bislang unaussprechlich und unvorstellbar waren, das Buch, dem man den etwas über drei Jahre währenden Entstehungsprozess deutlich anmerkt. In einem der vielen Ersatznarrative, die sich an die Stelle dessen setzen, was Hentig nach eigenem Bekunden seinen Freund Becker zu fragen unterlassen habe, taucht das Missbrauchsphänomen in einer zehnseitigen kommentierenden Nacherzählung von Michael Hanekes Film „Das weiße Band“ auf: Im Film wird der jüngste Spross des verwitweten Landarztes eines Nachts zum Zeugen der Übergriffigkeit des Vaters an seiner 14-jährigen Tochter. Bei Hentig liest sich das so: „Der vierjährige Rudi (. . . ) irrt im Hause umher. Er stößt auf seinen Vater, der sich zweideutig mit der Tochter beschäftigt.“

Es bleibt nicht beim verquasten Sprachgebrauch. So sehr sich Hentig auch über die Rolle des Arztes im Film auslässt, die Missbrauchsszene und das Mädchen tauchen nicht mehr auf, so als habe es sie nicht gegeben, wohingegen Hentig mit Bestimmtheit darüber befindet, was der Film selbst im Ungewissen lässt: die mögliche Täterrolle von Kindern. Hentig will „viel Lesezeit und -arbeit“ in verstörende Fragen zu Kindesmissbrauch und Traumata investiert haben.

Buchhalterisch hat er für jeden der beiden Themenkomplexe je eine Woche Studium veranschlagt. Für einen nach eigenem Ermessen Unkundigen ist dies löblich, gemessen an der gewachsenen Forschungsliteratur jedoch kaum hinreichend zur Expertise. Hentig aber ficht dies nicht an, ihm genügt dieser kurze Weiterbildungszeitraum, um darüber gleich noch zum erfahrenen Traumatologen zu werden.

Im Bewusstsein ererbter Sündhaftigkeit ergeht am Ende das Gebot zur Versöhnung

Bei der amerikanischen Psychologin Susan Clancy und deren umstrittenem Buch „The Trauma Myth“ hat er die Zauberformel entdeckt, um alles, was über Traumata bislang bekannt ist und geschrieben wurde, aus den Angeln zu heben: „Dass die späte Scham über den eigenen Anteil an der Liebesbeziehung, gar über eine Einwilligung in sie der wichtigste Auslöser einer Traumatisierung ist“ – dies hätten Clancys Studien gezeigt.

Bei der erstmaligen Erwähnung solch steiler Thesen entschuldigt sich Hentig noch mit dem koketten Satz: „Ich plappere das nur nach.“ Fortan aber ist für ihn daraus ein ehernes Gesetz geworden, mit dem er gebetsmühlenartig die Zeugnisse der Opfer, alle Argumente seiner Kritiker, jeden Pressebericht zum Thema und jedes dazu erschienene Buch bis hin zu dem Abschlussbericht zweier unabhängiger Juristinnen über die Vorgänge an der OSO entwertet.

Spätestens ab der Mitte des Buches legt Hartmut von Hentig wieder den Talar eines allmächtigen Göttinger Ordinarius an, um buchstäblich alles und jeden abzukanzeln. Von da an ist der Entwicklungsroman, den dieses Buch zunächst versprochen hat, abgerissen und der lernbegierige Hentig, von dem man eben noch Einsichten, Einkehr und vielleicht sogar eine Geste der Demut erhofft hätte, schlägt in unverschämter Selbstüberhöhung um sich.

Und er begegnet den Opfern Gerold Beckers mit Infamie und ihren Zeugnissen mit dem Gestus des Großinquisitors: Heuchler und Verräter sind es in seinen Augen, gnadenlose „Rächer“ mit verkorksten Biografien, die als von fremder Hand erlittene Traumata ausgeben, was sie sich im Abstand vieler Jahre an Verletzungen entweder eingebildet haben oder was ihnen von außen – von Therapeuten, Journalisten und anderen Moralaposteln – eingeredet worden sei.

Am Ende löst sich für Hartmut von Hentig ohnehin alles in Theologie auf: Die Täter sind Opfer ihrer Triebe, die Opfer sind es nicht weniger, und Sünder sind sie alle. Im Bewusstsein ererbter Sündhaftigkeit ergeht das Gebot zur Versöhnung mit denen, die einem unabänderlichen Triebschicksal ausgeliefert sind: der „Großmacht Sexualität“.

Ohne die von Hentig beschworene „Not“ des Pädophilen in Abrede zu stellen – für sie gibt es Selbsthilfegruppen -, so hat doch kein Gott, kein Mensch und kein Kind je einen Gerold Becker dazu gezwungen, das Leid am eigenen Trieb – oder das Leid missbrauchter Kinder – durch die freie Wahl des Erzieherberufs zu vergrößern.

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