Annähernde Freundschaft mit dem Panik-Club

Jeder Mensch nimmt seine Panikattacken individuell wahr und findet im Laufe der Zeit eine für sich passende Beschreibung.  Daher werde ich diesen Text meinen eigenen inneren Panik-Freunden widmen.

Hundemüde geht es oft spät abends oder morgens um 4 Uhr ins Bett. Wenn nicht das Gedankenkarussell mich vom  wichtigen Schlaf abhält, dann macht es eben die Panikattacke. Nüchtern betrachtet schwer zu ertragen. Das beste und schnellwirksamste Mittel ist immer noch der Alk. Eine Pille hilft nur selten, eigentlich gar nicht. Bei beiden Mittelchen ist jedoch Vorsicht geboten.

Kleine Panikattacken im Alltag nenne ich liebevoll „little panic“. Sie ist bereits seit Jahren eine treue Begleiterin. Ganz plötzlich überwältigt mich ein Trommelwirbel im Herzen und ein wildes schnappen nach Luft, so als ob man gerade aus den Untiefen eines Ozeans auftaucht und an der Oberfläche überlebensgierig  nach dem rettenden Sauerstoff jappst. Das ist für mich eine kleine  Panikattacke im Alltag. Sie kommt Blitzschnell und genauso schnell ist sie wieder verschwunden. Wenn ich in dem Moment nicht alleine bin, bekomme ich schon mal verwunderte Blicke zugeworfen. Ich schenke der „little panic“ keine weitere Aufmerksamkeit und mache einfach weiter mit meiner Tätigkeit oder was ich auch immer gerade tue. Was soll ich auch sonst tun?

Vor ungefähr 1,5  Jahren entstand eine neue Geschäftsidee. „litte panic“  expandierte  und eröffnete einen Nachtclub mit dem Namen „Great-Night-Panic“. Ziel dieses Nachtclubs ist, sich deutlich vom Alltagspanikprogramm abzuheben, um mehr Aufmerksamkeit und Macht zu erlangen. Die Geschäftsidee katapultierte schnell alte erfahrene Bekannte aus der Urzeit auf die Bühne und so schloss man sich zusammen.  Das Geschäftsmodell mit Herzenstrommelwirbel und Schnappatmung wurde erweitert um das Angebot mit Verlassenheitsängsten, Albträumen, Horror- und Terrorgeschichten. Zur passenden Darkroom-Stimmung ist es natürlich wichtig, den Körper voll und ganz mit einzubeziehen. Das gelingt mit einer speziellen Sorte modrig riechenden Nebels in Kombination mit  „erdrückt und erwürgt zu werden“ und der  „Angst zu sterben“.

Der Eintritt in den Nachtclub ist frei. Alltagspersönlichkeiten sind keine gern gesehenen Gäste, weil sie immer das Licht anmachen und die Stimmung verderben.

Anfangs wusste ich noch nicht mal, dass es bei der Symptomatik „little panic“ überhaupt einen Zusammenhang zu Panikattacken gibt. Darüber hinaus habe ich mir über meine ganz frühe lebensbedrohte Kindheit – ich rede hier von den ersten vier Lebensjahren – nie wirklich Gedanken gemacht. Mein Schwerpunkt lag ab dem 5. Lebensjahr, als sich meine Mutter den Sadisten und Vergewaltiger ins Haus holte. Allein mit der Ver- und Aufarbeitung dieser Horror- und Terrorzeit war ich jahrelang voll ausgelastet. Im Nachgang ist mir natürlich klar, dass auch in den ersten 4 Lebensjahren nicht alles rosa toll war und uns die Mutter kläglich vernachlässigte. Das berichtete auch die Großmutter und nicht ohne Grund wuchs einer von den Enkeln bei den Großeltern auf. Die Großmutter besaß zu ihren Lebzeiten noch Briefe vom Jugendamt, worin es um die Vernachlässigung meiner Person und  meine ein Jahr ältere Halbschwester, die mit 4 zur Adoption freigegeben wurde, ging. An die ersten 4 Lebensjahre komme ich sprachlich schwer dran. Schmerz und Panik ist die Art, wie sich der Körper mit mir in Verbindung setzen möchte.

Der Körper ist Erinnerungsträger. Psychische und physische Traumata werden im Gehirn festgehalten. Ich habe viele Jahre in tiefenpsychologischer Therapie verbracht und mit den mir zugänglichen Erinnerungen gearbeitet. Das meiste kann ich sprachlich ausdrücken, es gibt aber auch Erinnerungen, die kann oder will ich im Detail nicht erzählen. Was sich in den ganzen therapieerfahrenen Jahren nicht auflöste oder linderte, waren die gespeicherten abgespaltenen Schmerzen und die Übererregungszustände, die sich über den Körper deutlich Ausdruck verschafften. Das schafft Frust und zwischenzeitlich hatte ich therapiemüde Phasen. Ich hatte keine Lust mehr, wie ein Wiederkäuer in den Sitzungen meine Geschichte zu erzählen. Weil sich in der Symptomatik keine Linderung einstellte. Teilweise flammten die Schmerzen ins Unerträgliche auf. Das ging im Jahr 2013 sogar so weit, dass ich befürchtete nicht mehr gehen zu können. Glücklicherweise trat der Fall nicht ein!

Heute hoppse ich noch immer mit der Hoffnung durch das Helfersystem, dass mich endlich jemand von meinen körperlichen Schmerzen und den Panikattacken befreit. Dabei stelle ich immer mehr die gängigen und von den Kassen finanzierten  Therapieverfahren in Frage. Als Einstieg in die persönliche Aufarbeitung sind die beziehungsbasierten Gesprächstherapien auf jeden Fall wichtig.

Wenn ich ausreichend finanzielle Mittel zur Verfügung hätte, wäre ich schon längst aus dem kassenfinanzierten Helfersystem ausgestiegen und würde mich anderen Verfahren zuwenden. Dazu gehört SomaticExperience in Kombination mit Shiatsu und TRE sowie Verarbeitungstechniken wie EMDR (???) und Brainspotting oder Fokussing. Meine bisherigen Erfahrungen bestätigen mir, dass im Bereich der ambulanten Psychotherapie und im klinischen Bereich viel zu wenig Wissen über die enge Verwobenheit von psychischen und physischen Traumata mit dem Nervensystem vorhanden ist. Einige Theras versuchen angelernte theoretische Trauma-Modelle zu erklären, die sie in Weiterbildungen oder aus der Literatur aufgriffen, aber sie verstehen einfach nicht die biologischen Vorgänge und die meisten können auch keine Verbundenheit mit dem Nervensystem des Klienten herstellen und damit arbeiten.

Was ich für mich tun kann? Ich bin zwar noch unregelmäßig in psychotherapeutischer Behandlung, wende mich aber immer mehr davon ab. Wenn ich es mir finanziell leisten kann, gehe ich zu einer SE- und Shiatsu-Therapeutin und leider zu selten zu einer gut ausgebildeten  Systemischen Supervisorin und Coachfrau (die ist richtig teuer). Ich versuche mich meinem Panik- und Schmerzsystem eigenständig zu nähern. Das allein ist eine enorme Herausforderung und dauert lange. Mit Imaginationsübungen und „es ist doch alles sicher“ komme ich nicht  so weit. Hier muss anders vorgegangen werden. In Babyschritten ist es zu schaffen!

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