Beweise für rituelle Gewalt?

Es gibt ein neues Infoportal zu ritueller Gewalt. Auf der Seite werden Gerichtsurteile, wissenschaftliche Arbeiten und aktuelle Meldungen zum Thema Rituelle Gewalt gesammelt und öffentlich zur Verfügung gestellt.

Warum gibt es diese Webseite? Seit vielen Jahren hält sich hartnäckig der Satz „Rituelle Gewalt ist noch nie bewiesen und verurteilt worden.“ Das stimmt nicht. Es gibt Gerichtsurteile und Belege für Fälle Ritueller Gewalt. Dieses Infoportal lädt dazu ein, sich selbst ein Bild zu machen.

Link zum Portal: https://www.infoportal-rg.de/

DGfE erkennt Hartmut von Hentig den Ernst-Trapp-Preis ab

Stellungnahme des Vorstands der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft (DGfE) zur Diskussion um sexuelle Gewalt in pädagogischen Kontexten
Link zum Beitragsthema aus 2016:

 

Kindesmissbrauch im familiären Kontext

Im familiären Umfeld werden Kinder am häufigsten sexuell missbraucht. Am 31. Januar 2017 hat das erste öffentliche Hearing der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs stattgefunden.

Hier ein paar Beiträge aus der Medienberichterstattung:

Betroffene sprechen öffentlich, PM von der Unabhängigen Aufarbeitungskommission
https://www.aufarbeitungskommission.de/meldung-31-01-2017-sexueller-kindesmissbrauch-betroffene-sprechen-oeffentlich/

Beitrag im Deutschlandfunk „Kindesmissbrauch – Tatort familiäres Umfeld“
http://www.deutschlandfunk.de/kindesmissbrauch-tatort-familiaeres-umfeld.1769.de.html?dram%3Aarticle_id=377811

Beitrag in der Tagesschau mit Video „Reden im geschützten Raum“
https://www.tagesschau.de/inland/kommission-kindesmissbrauch-101.html

Die Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs untersucht sämtliche Formen von sexuellem Kindesmissbrauch in Deutschland. Darunter fällt zum Beispiel Missbrauch in Institutionen, in Familien, im sozialen Umfeld, durch Fremdtäter oder im Rahmen von organisierter sexueller Ausbeutung.

Die Kommission soll Strukturen aufdecken, die sexuelle Gewalt in der Kindheit und Jugend ermöglicht haben und herausfinden, warum Aufarbeitung in der Vergangenheit verhindert wurde. Dabei wird die Kommission vor allem Menschen anhören, die in ihrer Kindheit von sexuellem Missbrauch betroffen waren und somit die Möglichkeit schaffen, auch verjährtes Unrecht mitzuteilen.

Weitere Informationen: https://www.aufarbeitungskommission.de/

© Barbara Dietl

 

 

Smartphone ist das „ultimative Tatmittel“

Es gibt immer mehr Sexattacken auf Minderjährige, oft mithilfe von Smartphones. Der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung fordert einen Straftatbestand schon für den Versuch des „Cybergroomings“ (gezieltes Ansprechen Minderjähriger durch Erwachsene über das Internet mit dem Ziel, sexuelle Kontakte anzubahnen). Rörig stellte eine Expertise mit dem Titel „Sexualisierte Grenzverletzungen und Gewalt mittels digitaler Medien“ in Berlin vor.

Link zur Pressemitteilung des Missbrauchsbeauftragten Rörig und zur Expertise mit vielen Factsheets:
https://beauftragter-missbrauch.de/presse-service/pressemitteilungen/detail/news/missbrauchsbeauftragter-roerig-stellt-expertise-zu-sexueller-gewalt-an-minderjaehrigen-mittels-digit/

Artikel in der Welt „Täter können ihre Opfer bis ins Kinderzimmer verfolgen“:
https://www.welt.de/politik/deutschland/article161266615/Wie-Taeter-ihre-Opfer-bis-ins-Kinderzimmer-verfolgen.html

Julia von Weiler, „Innocence in Danger“ sprach in der Zeit-Online von mehr als 700 000 Erwachsenen in Deutschland, die sexuelle Online-Kontakte zu Kindern hätten.
Artikel Zeit-Online „Kinder und Jugendliche besser vor Cybergrooming schützen“:
http://www.zeit.de/news/2017-01/17/medien-kinder-und-jugendliche-besser-vor-cybergrooming-schuetzen-17130604

 

iid
Für Kinderschutz im Netz muss unbedingt mehr getan werden. Es scheitert mal wieder in diesem Land an personellen, fachlichen und finanziellen Ressourcen. Und da sehe ich Bund, Länder und die Unternehmen in der Pflicht. Ziel muss es sein, Kindern und Jugendlichen eine siche­re Nutzung digitaler Medien zu ermöglichen!

Unrecht bleibt Unrecht!

Hartmut von Hentig „Noch immer Mein Leben“, Wamiki Verlag, Berlin 2016

Stellungnahme des Betroffenenrats zu Hartmut von Hentigs Buch

Artikel in der Süddeutschen Zeitung

Reformpädagogik

Unter freien Sündern

Im neuen Band seiner Autobiografie, der knapp 1400 Seiten dick ist, erklärt Hartmut von Hentig seine Position zum Missbrauchsskandal an der Odenwaldschule.

Von Volker Breidecker

Als „wunderbar erzählten Bildungsroman“ hatte Elmar Tenorth den ersten Band von Hartmut von Hentigs Autobiografie gewürdigt (SZ vom 14. März 2007). Beide Bände von „Mein Leben – bedacht und bejaht“ füllen zusammen rund 1100 Druckseiten. Damals war Hentig noch eine unumstrittene Institution dieser Republik, ein Intellektueller, der sich häufig zu Wort meldete und dessen Wort allerorts zählte. Und er war die Ikone einer modernen, aufgeklärten und reformgeleiteten Pädagogik gewesen – bis zu seinem tiefen Fall 2010 im Gefolge des Skandals um die jahrzehntelang geduldeten und vertuschten Fälle sexuellen Missbrauchs an der Odenwaldschule (OSO), dem Flaggschiff der Reformpädagogik in Deutschland.

Die Öffentlichkeit erwartete ein klares Wort zur Rolle seines Freundes Gerold Becker

Dafür war Hentig nicht verantwortlich und wurde auch von niemandem verantwortlich gemacht. Was die Öffentlichkeit von Hentig allerdings erwartete und doch nie bekam, war ein klares Wort zur Rolle seines Freundes und Gefährten Gerold Becker, der als vormaliger Leiter der OSO der Haupttäter der an Schutzempfohlenen dort begangenen sexuellen Übergriffe war. Hentig aber nahm seinen bereits todkranken Freund in Schutz, verharmloste, insinuierte gar, dass Becker womöglich selbst das Opfer minderjähriger Verführer geworden sei; und schließlich schwieg Hentig über Jahre, nachdem er im Verlauf der Affäre sein Ansehen aufs Spiel gesetzt und verloren hatte.

Jetzt aber spricht er wieder: Hartmut von Hentig hat seiner Autobiografie einen 1400 Druckseiten umfassenden dritten Band hinzugefügt. Die erzählte Dekade von 2005 bis 2015 schnurrt dann freilich vollständig zusammen auf den OSO-Skandal samt Vorgeschichte und Folgen. Im Buch nimmt deren Schilderung annähernd 1000 Seiten ein, während die übrigen Kapitel wenig anderes thematisieren als Ersatznarrative und mehr oder minder deutliche Parabeln auf die nämlichen Vorgänge. Die auf diesen Seiten erzählten Ouvertüren, Betrachtungen und Novellen umrahmen eine Bekenntnisschrift: Bekenntnis und Rechtfertigung zunächst in eigener Sache; doch geht die stolze Rechtfertigung der eigenen Position dann doch wieder über in die Verharmlosung, Verschönerung, ja sogar Verklärung der Untaten eines verantwortungslosen Triebtäters zu „Verfehlungen“ eines wahrhaft Liebenden, eines „freien Sünders“.

Doch greifen wir dem – auch wenn der Autor dies andauernd selbst tut – nicht weiter voraus, denn Hentig schreibt hier weiter an seinem eigenen Bildungsroman, in dem der tote Freund eine herausragende Rolle einnimmt, nämlich die des überhöhten Objekts einer unglücklichen, weil unerfüllten Liebe. Diese Enthüllungen, auch das erstmals ausgesprochene Bekenntnis des bald 91-Jährigen zu seiner Homosexualität, relativieren die Bedeutung der dem Freundespaar unterstellten Lebenspartnerschaft und entlasten Hentig von einer ebenfalls insinuierten Mitwisser- oder gar Komplizenschaft.

Aus der Affäre entlassen ist Hentig damit allerdings nicht. Sein erneut ausgebreiteter Lebensroman bietet ein erschreckendes Bild von Ignoranz, Sprachlosigkeit und Unaufgeklärtheit – und gesteht zugleich ein, dass ihm eine die vielfältigen Möglichkeiten und Schicksale menschlicher Sexualität bedenkende „éducation sentimentale“ fehle. Sein Buch ist ein Lehrstück dafür, wie ein umfassend gebildeter Mensch und mit ihm eine ganze Gesellschaft – die sogenannte „bessere“ vorweg – in Anbetracht der Tabuisierung von Pädophilie und Pädosexualität, von sexuellem Missbrauch und seinen Folgen, vollkommen versagen und durch Verschweigen, Wegsehen oder Verharmlosen die Leiden derer, die als Kinder zu Opfern sexueller Gewalt geworden sind, vergrößern und perpetuieren.

Hartmut von Hentig beschreibt sich selbst als einen Menschen, der noch in der Vorstellungswelt des 19. Jahrhunderts gefangen gewesen sei, die keine Sprache für die Sexualität gekannt habe. Wörter und Begriffe wie Pädophilie und Kindesmissbrauch, sexuelle Übergriffe, sexuelle Gewalt und dadurch bedingte Traumata seien jenseits seiner Vorstellung und sprachlichen Auffassung geblieben und hätten folglich auch in seiner Pädagogik keinen Platz gefunden.

In einem der blitzhaften Momente der Besinnung, an denen dieses Buch nicht arm ist, auch wenn sie dann doch folgenlos bleiben oder flugs wieder abgewehrt werden, kommt ihm die Einsicht: „Vielleicht müsste ich mich in der Tat schämen, als ‚Pädagoge‘ wenig oder gar nichts von Pädophilie, von Übergriffigkeit und ihren Folgen gewusst zu haben.“ Hätte er es getan, müsste er eigentlich zu der Erkenntnis gekommen sein, den falschen Beruf ergriffen zu haben. Denn der gegenüber Kindern stets auch eine Machtposition verkörpernde Lehrer und Erzieher sollte um solches Machtgefälle und um seine Gefährdungen wissen. Bei Sigmund Freud, zu dessen Lektüre sich Hentig gerne bekennt, hätte er auf den lapidaren Befund stoßen können: „So findet sich sexueller Missbrauch mit unheimlicher Häufigkeit bei Lehrern und Wartepersonen, bloß weil sich diesen die beste Gelegenheit dazu bietet.“

Immerhin, und da ist Hentig aufrichtig, durchzieht das Ringen um eine adäquate Sprache für Dinge, die ihm bislang unaussprechlich und unvorstellbar waren, das Buch, dem man den etwas über drei Jahre währenden Entstehungsprozess deutlich anmerkt. In einem der vielen Ersatznarrative, die sich an die Stelle dessen setzen, was Hentig nach eigenem Bekunden seinen Freund Becker zu fragen unterlassen habe, taucht das Missbrauchsphänomen in einer zehnseitigen kommentierenden Nacherzählung von Michael Hanekes Film „Das weiße Band“ auf: Im Film wird der jüngste Spross des verwitweten Landarztes eines Nachts zum Zeugen der Übergriffigkeit des Vaters an seiner 14-jährigen Tochter. Bei Hentig liest sich das so: „Der vierjährige Rudi (. . . ) irrt im Hause umher. Er stößt auf seinen Vater, der sich zweideutig mit der Tochter beschäftigt.“

Es bleibt nicht beim verquasten Sprachgebrauch. So sehr sich Hentig auch über die Rolle des Arztes im Film auslässt, die Missbrauchsszene und das Mädchen tauchen nicht mehr auf, so als habe es sie nicht gegeben, wohingegen Hentig mit Bestimmtheit darüber befindet, was der Film selbst im Ungewissen lässt: die mögliche Täterrolle von Kindern. Hentig will „viel Lesezeit und -arbeit“ in verstörende Fragen zu Kindesmissbrauch und Traumata investiert haben.

Buchhalterisch hat er für jeden der beiden Themenkomplexe je eine Woche Studium veranschlagt. Für einen nach eigenem Ermessen Unkundigen ist dies löblich, gemessen an der gewachsenen Forschungsliteratur jedoch kaum hinreichend zur Expertise. Hentig aber ficht dies nicht an, ihm genügt dieser kurze Weiterbildungszeitraum, um darüber gleich noch zum erfahrenen Traumatologen zu werden.

Im Bewusstsein ererbter Sündhaftigkeit ergeht am Ende das Gebot zur Versöhnung

Bei der amerikanischen Psychologin Susan Clancy und deren umstrittenem Buch „The Trauma Myth“ hat er die Zauberformel entdeckt, um alles, was über Traumata bislang bekannt ist und geschrieben wurde, aus den Angeln zu heben: „Dass die späte Scham über den eigenen Anteil an der Liebesbeziehung, gar über eine Einwilligung in sie der wichtigste Auslöser einer Traumatisierung ist“ – dies hätten Clancys Studien gezeigt.

Bei der erstmaligen Erwähnung solch steiler Thesen entschuldigt sich Hentig noch mit dem koketten Satz: „Ich plappere das nur nach.“ Fortan aber ist für ihn daraus ein ehernes Gesetz geworden, mit dem er gebetsmühlenartig die Zeugnisse der Opfer, alle Argumente seiner Kritiker, jeden Pressebericht zum Thema und jedes dazu erschienene Buch bis hin zu dem Abschlussbericht zweier unabhängiger Juristinnen über die Vorgänge an der OSO entwertet.

Spätestens ab der Mitte des Buches legt Hartmut von Hentig wieder den Talar eines allmächtigen Göttinger Ordinarius an, um buchstäblich alles und jeden abzukanzeln. Von da an ist der Entwicklungsroman, den dieses Buch zunächst versprochen hat, abgerissen und der lernbegierige Hentig, von dem man eben noch Einsichten, Einkehr und vielleicht sogar eine Geste der Demut erhofft hätte, schlägt in unverschämter Selbstüberhöhung um sich.

Und er begegnet den Opfern Gerold Beckers mit Infamie und ihren Zeugnissen mit dem Gestus des Großinquisitors: Heuchler und Verräter sind es in seinen Augen, gnadenlose „Rächer“ mit verkorksten Biografien, die als von fremder Hand erlittene Traumata ausgeben, was sie sich im Abstand vieler Jahre an Verletzungen entweder eingebildet haben oder was ihnen von außen – von Therapeuten, Journalisten und anderen Moralaposteln – eingeredet worden sei.

Am Ende löst sich für Hartmut von Hentig ohnehin alles in Theologie auf: Die Täter sind Opfer ihrer Triebe, die Opfer sind es nicht weniger, und Sünder sind sie alle. Im Bewusstsein ererbter Sündhaftigkeit ergeht das Gebot zur Versöhnung mit denen, die einem unabänderlichen Triebschicksal ausgeliefert sind: der „Großmacht Sexualität“.

Ohne die von Hentig beschworene „Not“ des Pädophilen in Abrede zu stellen – für sie gibt es Selbsthilfegruppen -, so hat doch kein Gott, kein Mensch und kein Kind je einen Gerold Becker dazu gezwungen, das Leid am eigenen Trieb – oder das Leid missbrauchter Kinder – durch die freie Wahl des Erzieherberufs zu vergrößern.

Kirche und Missbrauch

Kommentar von Matthias Katsch in der TAZ/30. Mai 2016
Ehemaliger Schüler des Berliner Canisius-Kollegs

Ehrliche Reue sieht anders aus

Die Aufarbeitung sexueller Gewalt in der katholischen Kirche ist noch nicht gescheitert. Sie hat noch gar nicht richtig begonnen.

Zum vierten Mal stand das Thema sexueller Kindesmissbrauch auf der Agenda eines Katholikentags in Deutschland. Obwohl es bei der Versammlung der katholischen Laienorganisationen in Leipzig einige Veranstaltungen dazu gibt, erscheint sexuelle Gewalt dort vor allem als zu bewältigendes Einzelschicksal. Auch in Leipzig wird so die Chance verpasst, endlich die systematischen Ursachen der zahlreichen Missbrauchsfälle in kirchlichen Einrichtungen, Heimen, Schulen und Pfarreien zu besprechen.

Zur Aufarbeitung sexueller Gewalt gegen Jungen und Mädchen in der Kirche gibt es kein Gesamtbild für Deutschland – und soll es wohl auch nicht geben. Die von den Bischöfen beauftragten Wissenschaftler werden erst im nächsten Jahr erste Berichte vorlegen. Die dabei genutzte Auswertung der von einigen Bistümern zur Verfügung gestellten Akten kann dabei schon jetzt getrost als gescheitert angesehen werden, weil sie, wenig verwunderlich, wenig Neues zu den zentralen Fragen beitragen können.

Wie viele Täter haben in den letzten Jahrzehnten in welchen Einrichtungen wie viele Jungen und Mädchen zu Opfern gemacht, wie groß ist dabei wissenschaftlich plausibel das Dunkelfeld? Wo liegen die Ursachen für die regelrechten Täterkarrieren und die zahlreichen Serientaten? Welche Mechanismen haben an der Verschleierung und dem Verschweigen mitgewirkt? Wer waren die Verantwortlichen? Welche Risikofaktoren lassen sich daraus für die heutigen Institutionen ableiten? Und durch welche Maßnahmen lassen sich diese Risiken reduzieren oder neutralisieren? All diesen Fragen weicht die Katholische Kirche beharrlich aus.

Auch wenn inzwischen flächendeckend Präventionsprogramme ausgerollt werden und das Thema sexuller Kindesmissbrauch damit vordergründig auf der Agenda angekommen ist: Die Ernsthaftigkeit wird zugleich dementiert, wenn Bischöfe, die im Umgang mit übergriffigen und verbrecherisch handelnden Priestern versagt haben, weiterhin im Amt bleiben. Dass in Rom als Verantwortlicher für alle Missbrauchsfälle weltweit ausgerechnet ein Kardinal steht, der in seiner Amtszeit als Bischof von Regensburg alles getan hat, um die Aufarbeitung von Missbrauch zu behindern, ist ein fortdauernder Skandal. Erst nach dem Weggang von Kardinal Müller beginnt dort endlich die überfällige Auseinandersetzung mit dem Missbrauchs- und Gewaltsystem bei den Regensburger Domspatzen.

Es geschah wenig

Andernorts wurden Berichte über Täter und ihre Taten erhoben. Doch über das Zählen der Opfer hinaus geschah wenig. Zum Beispiel um das Verständnis für die eigenen institutionellen Ursachen bei den Jesuitenschulen zu erhöhen, die 2010 Ausgangspunkt der Aufdeckungswelle waren.

Einrichtungen, die gute, wissenschaftlich fundierte Berichte erstellt haben, wie das Kloster Ettal, tun sich bis heute schwer, diese der Öffentlichkeit zu präsentieren. Wieder anderen Bistümer haben bis heute keine Berichte vorgelegt.

Die Frage der Entschädigung wartet immer noch auf eine befriedigende Lösung. Die von den deutschen Bistümern über die Köpfe der Betroffenen hinweg dekretierte „Anerkennungszahlung“ ist es nicht. Die bekannte Intransparenz setzt sich im Antragsverfahren fort. Bis heute muss jede oder jeder, der wissen will, wie viele Opfer sich bei der Kirche gemeldet haben, wie viele eine Anerkennungszahlung aktuell beantragt haben, wie viele Hilfen beantragen, die Zahlen mühsam zusammen klauben.

Die versprochenen schnellen, unbürokratischen Hilfen wurden in Einzelfällen gewährt, die Beteiligung am staatlich organsierten ergänzenden Hilfesystem EHS blieb fast unbekannt und wirkungslos.

Auch in Zukunft aber brauchen die Opfer Hilfen. Dazu muss ein Weg gefunden werden, diese in Anspruch nehmen zu können, ohne unnötig mit der Institution der Täter in Kontakt zu kommen. Vielleicht kann eine Stiftung oder ein Opfergenesungswerk, diese Aufgabe in der Zukunft übernehmen.

Ängstlichkeit und Abwehr

Der Umgang mit den Betroffenen der eigenen Institution ist nicht nur bei der Kirche immer noch von Ängstlichkeit und Abwehr geprägt. Ein offener Austausch wird verweigert. Stattdessen werden die eigenen Anstrengungen für die Prävention hervorgehoben. Eine von den Opfern immer wieder angebotene Einbindung in die kirchlichen Initiativen zum Kinderschutz hat fast gar nicht stattgefunden.

Die Fragen nach den systemischen Ursachen und unangehmen Risikofaktoren werden auch auf dem Katholikentag in Leipzig nur am Rande gestellt, etwa im Alternativprogramm der Laienorganisation Wir sind Kirche: Die Überhöhung des männlichen Priesters und der männerbündische Klerikalismus; die Ausgrenzung und Abwertung der Frauen, die verbal geschätzt werden, aber von aller Macht ausgeschlossenen sind; die leibfeindliche Moral und das dunkle Verständnis von Sexualität, die geradezu zwanghafte Fixierung auf die Sünde im Sexuellen; die durch unlebbare Vorschriften zur Sexualität von Priestern und Laien erzeugte Doppelmoral. Die mangelnde Transparenz bei innerkirchlichen Vorgängen und der Personalauswahl.

Solchen Themen, die Lehre und die Organisationsform der katholischen Kirche betreffen, wollen sich die Verantwortlichen nicht stellen. Damit dementieren sie ihre Beteuerung, man habe aus dem Skandal gelernt und wahlweise „die Opfer“ oder die „Kinder“ stünden nun im Mittelpunkt allen kirchlichen Handelns.

Ehrliche Reue sieht anders aus. Eine wirkliche Entschuldigung bei den Opfern, die von diesen angenommen werden kann, verbunden mit dem Willen zur Wiedergutmachung, hat es nie gegeben. Der sogenannte Bußakt der Bischöfe von 2012 war an Gott gerichtet, nicht an die vor dem Dom in Paderborn versammelten Heimkinder und die zahlreichen Missbrauchsopfer.

Fragen was war

Wirksame Aufarbeitung muss dreierlei leisten: Erheben was war, die Ursachen für das Geschehene offenlegen und den Opfern Anerkennung vermitteln. Alles drei ist bislang bei der Aufarbeitung sexueller Gewalt gegen Kinder und Jugendlichen in Einrichtungen der katholischen Kirche in Deutschland nicht gelungen.

Die Aufarbeitung sexueller Gewalt in der Kirche ist noch nicht gescheitert, denn sie hat noch gar nicht richtig begonnen. Die vom Staat eingesetzte Unabhängige Aufarbeitungskommission wird sicher wichtige Impulse liefern. Aber die Kirche und ihre Mitglieder müssen es auch selber wollen.

Vielleicht beim nächsten Katholikentreffen.

Link zur TAZ-Quelle: http://www.taz.de/!5308107/

 

Aufarbeitungskommission nimmt Arbeit auf

UKASK_Onlinebanner_600x160_statischDie Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs untersucht sämtliche Formen von sexuellem Kindesmissbrauch in Deutschland. Darunter fällt zum Beispiel Missbrauch in Institutionen, in Familien, im sozialen Umfeld, durch Fremdtäter oder im Rahmen von organisierter sexueller Ausbeutung. Die Kommission soll Strukturen aufdecken, die sexuelle Gewalt in der Kindheit und Jugend ermöglicht haben und herausfinden, warum Aufarbeitung in der Vergangenheit verhindert wurde. Dabei wird die Kommission vor allem Menschen anhören, die in ihrer Kindheit von sexuellem Missbrauch betroffen waren und somit die Möglichkeit schaffen, auch verjährtes Unrecht mitzuteilen.

Das Infotelefon Aufarbeitung 0800-4030040 (anonym und kostenfrei) und die Website www.aufarbeitungskommission.de informieren über die Arbeit der Kommission und Ablauf der Anhörungen. Betroffene und Zeitzeugen können ab sofort telefonisch oder schriftlich mit der Kommission in Kontakt treten, um an Anhörungen teilzunehmen.

Weitere Informationen (FAQ, Informationen zu den Kommissionsmitgliedern u.a.) findet Ihr auf der Website der Kommission www. aufarbeitungskommission.de oder des Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs.