„Programm zur konsequenten Bekämpfung von sexueller Gewalt gegen Kinder und Jugendliche und deren Folgen“

Gerade entdeckt: Pressemitteilung zum  „Programm zur konsequenten Bekämpfung von sexueller Gewalt gegen Kinder und Jugendliche und deren Folgen“, das der Unabhängige Beauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs am 5. Oktober 2017 in Berlin vorgestellt hat. Sämtliche Anlagen zur PM sind empfehlenswert. Für Betroffene sind wichtige Eckpunkte aufgezählt.

„Jetzt handeln!“ – Missbrauchsbeauftragter Rörig stellt „Programm zur konsequenten Bekämpfung von sexueller Gewalt gegen Kinder und Jugendliche und deren Folgen“ für die 19. Legislaturperiode vor (Quelle)

Rörig appellierte heute an die künftigen Koalitionspartner, jetzt ein neues Kapitel im Kampf gegen sexuellen Kindesmissbrauch aufzuschlagen und sich deutlich hinter den Schutz der Kinder und Jugendlichen vor sexueller Gewalt zu stellen. Er fordert den Deutschen Bundestag auf, noch im Jahr 2018 ein „Kindesmissbrauchsbekämpfungsgesetz“ zu verabschieden.

Berlin, 05.10.2017. Der Unabhängige Beauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, Johannes-Wilhelm Rörig, hat heute in Berlin sein „Programm zur konsequenten Bekämpfung von sexueller Gewalt gegen Kinder und Jugendliche und deren Folgen“ für die 19. Legislaturperiode vorgestellt.

Rörig: „Sexuelle Gewalt ist ein permanentes und besonders tabuisiertes Problem unserer Gesellschaft. Noch immer wird viel zu oft weggeschaut und geschwiegen, aus Angst, Scham und Unsicherheit. Wir verzeichnen etwa 12.000 Straf- und Ermittlungsverfahren allein wegen sexuellen Kindesmissbrauchs jährlich. Das ist mindestens so erschreckend wie die Gewissheit, dass das Dunkelfeld um ein Vielfaches größer ist. Viele Menschen könnten helfen, wissen aber nicht, was sie bei Vermutung oder Verdacht tun können. Die künftigen Koalitionspartner können jetzt die richtigen Weichen stellen. Wenn der politische Wille vorhanden ist, können wir große Fortschritte im Kampf gegen sexuellen Kindesmissbrauch erreichen. Die Zeit befristeter Minimallösungen im Kampf gegen sexuelle Gewalt an Kindern und Jugendlichen muss vorbei sein.“

Inhalte des Programms (Auswahl):

Das Programm beinhaltet Eckpunkte zu den Themenfeldern Schutz, Hilfen, Verfahren, Forschung/Lehre, Aufarbeitung, Aufklärung und Sensibilisierung sowie zu neuen gesetzlichen Regelungen. Es zeigt konkrete Maßnahmen auf, wie die konsequente Bekämpfung von sexueller Gewalt an Kindern und Jugendlichen künftig besser gelingen kann:

Modellprogramme für Einrichtungen: Die Präventionsinitiativen „Kein Raum für Missbrauch“ und „Schule gegen sexuelle Gewalt“ sollen in Modellprogramme des Bundes eingebunden werden. Zur Unterstützung der Entwicklung von Schutzkonzepten in Einrichtungen sollen bundesweit 10 % aller Schulen (3.000 Schulen) eine Anschubfinanzierung von je 5.000 EUR erhalten. Dies soll auch für 2.000 Kitas und weitere Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe sowie 1.000 Kliniken und Praxen gelten. Zudem appelliert der Unabhängige Beauftragte an Politik und Fachpraxis, zügig zu klären, ob die gesetzlichen Rahmenbedingungen für die Einführung und Anwendung von Schutzkonzepten nicht ausgeweitet werden müssen.

Agenda „Digitaler Kinder- und Jugendschutz“: Die fortschreitende Digitalisierung vermehrt die Gefahren sexueller Gewalt gegen Kinder und Jugendliche im Netz. Kinder- und Jugendschutz muss dringend auch auf den digitalen Raum übertragen werden: Mindestens 0,5 % des für den Digitalpakt angedachten Budgets sollen für eine Agenda „Digitaler Kinder- und Jugendschutz“ zur Verfügung gestellt werden. Auch die großen Internet-Unternehmen müssen sich stärker für den Schutz von Kindern und Jugendlichen im digitalen Raum engagieren.

Bundesweite Aufklärungskampagne: Alle Bürgerinnen und Bürger sollten bestehende Hilfeangebote kennen und wissen, was sie bei Vermutung oder Verdacht tun können. Deswegen sollte eine auf mehrere Jahre angelegte Aufklärungs- und Sensibilisierungskampagne spätestens 2019 starten.

Reform des OEG: Der Unabhängige Beauftragte appelliert an die künftige Bundesregierung, die Reform des Opferentschädigungsrechts (OEG) gleich zu Beginn der 19. Legislaturperiode auf den Weg zu bringen. Sollten mit der Reform des OEG die hohen Hürden für Betroffene nicht gesenkt werden (zum Beispiel die Anforderungen an den Nachweis der Tat oder an den Nachweis der Kausalität zwischen sexueller Gewalt in der Kindheit und den heutigen gesundheitlichen Belastungen) müssen dringend ergänzende Regelungen geschaffen werden. In Betracht käme eine gesetzlich zu errichtende Stiftung, die Betroffenen aus allen Missbrauchskontexten die notwendigen Hilfen schnell und unbürokratisch gewährt, unabhängig von Ort und Zeit der Tat.

„Forschungsbündnis gegen Kindesmissbrauch“: Mit den Förderlinien des Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) sind wichtige Forschungsvorhaben auf den Weg gebracht worden. Es fehlt jedoch ein stabiler und interdisziplinärer Dialog, der jetzt mit Partnern aus Wissenschaft, Fachpraxis, Politik und mit Betroffenen aufgebaut werden sollte.

„Kindesmissbrauchsbekämpfungsgesetz“: Der Unabhängige Beauftragte fordert ein Kindesmissbrauchsbekämpfungsgesetz zur Stärkung des Schutzes von Kindern und Jugendlichen vor sexueller Gewalt. Durch dieses Gesetz sollte auch das Amt einer/eines Unabhängigen Beauftragten verstetigt und gestärkt werden. Aufgabenübertragung, Unabhängigkeit und die Bereitstellung ausreichender Ressourcen brauchen dringend eine gesetzliche Grundlage. Vor Ablauf von zehn Jahren sollte aber geprüft werden, ob eine Weiterführung notwendig ist, je nach Entwicklung des Ausmaßes sexueller Gewalt in den kommenden Jahren. Zudem soll der im Jahr 2015 berufene Betroffenenrat eine gesetzliche Absicherung für seine breit gefächerte Mitwirkung erhalten. Zudem benötigt die seit dem Jahr 2016 erfolgreich arbeitende Unabhängige Aufarbeitungskommission eine gesetzliche Grundlage zur stabilen Fortführung ihrer überaus wichtigen Arbeit. Ihre Arbeitsperiode sollte um mindestens fünf Jahre verlängert werden. Um verbindliche Strukturen für eine kontinuierliche Kooperation von Bund, Ländern und Kommunen, Zivilgesellschaft, Fachpraxis, Betroffenenrat, Wissenschaft und Ausbildung zu schaffen, schlägt Rörig die gesetzliche Verankerung einer „Ständigen Konferenz“ zur Bekämpfung von sexuellem Kindesmissbrauch vor.

Rörig stellte heute zudem neue Ergebnisse seines „Monitoring zum Stand der Prävention sexualisierter Gewalt an Kindern und Jugendlichen in Deutschland 2015–2018“ vor. Der neue Teilbericht 3 ist ein Datenreport zu Schutzkonzepten in Kitas, Heimen/weiteren Wohnformen und dem stationären und ambulanten Gesundheitsbereich. Der Bericht macht deutlich: Schutz vor sexueller Gewalt kommt als Thema in den Einrichtungen an. Es gibt viele Einzelmaßnahmen, jedoch fehlt es nach wie vor an umfassenden Präventions- und Interventionskonzepten und an einem systematischen Herangehen jenseits konkreter Verdachtsfälle. Der Abschlussbericht des Monitorings wird Ende 2018 erscheinen. Er ist eine integrative Analyse aller Befragungsergebnisse aus den Bereichen Erziehung und Bildung, Gesundheit, Freizeit und Religiöses Leben (Daten zum Teilbericht 3 unter www.datenreport-monitoring.de).

Die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) verzeichnet jährlich über 12.000 Ermittlungs- und Strafverfahren allein nur bei sexuellem Kindesmissbrauch. Das Dunkelfeld ist um ein Vielfaches größer. Neue Studien weisen darauf hin, dass etwa jede/r Siebte bis Achte in Deutschland sexuelle Gewalt in seiner Kindheit oder Jugend erlitten hat. Statistisch sind in jeder Schulklasse etwa ein bis zwei Kinder von sexueller Gewalt betroffen.

Quelle mit sehr informativen Anhängen (klick)

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Beweise für rituelle Gewalt?

Es gibt ein neues Infoportal zu ritueller Gewalt. Auf der Seite werden Gerichtsurteile, wissenschaftliche Arbeiten und aktuelle Meldungen zum Thema Rituelle Gewalt gesammelt und öffentlich zur Verfügung gestellt.

Warum gibt es diese Webseite? Seit vielen Jahren hält sich hartnäckig der Satz „Rituelle Gewalt ist noch nie bewiesen und verurteilt worden.“ Das stimmt nicht. Es gibt Gerichtsurteile und Belege für Fälle Ritueller Gewalt. Dieses Infoportal lädt dazu ein, sich selbst ein Bild zu machen.

Link zum Portal: https://www.infoportal-rg.de/

DGfE erkennt Hartmut von Hentig den Ernst-Trapp-Preis ab

Stellungnahme des Vorstands der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft (DGfE) zur Diskussion um sexuelle Gewalt in pädagogischen Kontexten
Link zum Beitragsthema aus 2016:

 

Kindesmissbrauch im familiären Kontext

Im familiären Umfeld werden Kinder am häufigsten sexuell missbraucht. Am 31. Januar 2017 hat das erste öffentliche Hearing der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs stattgefunden.

Hier ein paar Beiträge aus der Medienberichterstattung:

Betroffene sprechen öffentlich, PM von der Unabhängigen Aufarbeitungskommission
https://www.aufarbeitungskommission.de/meldung-31-01-2017-sexueller-kindesmissbrauch-betroffene-sprechen-oeffentlich/

Beitrag im Deutschlandfunk „Kindesmissbrauch – Tatort familiäres Umfeld“
http://www.deutschlandfunk.de/kindesmissbrauch-tatort-familiaeres-umfeld.1769.de.html?dram%3Aarticle_id=377811

Beitrag in der Tagesschau mit Video „Reden im geschützten Raum“
https://www.tagesschau.de/inland/kommission-kindesmissbrauch-101.html

Die Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs untersucht sämtliche Formen von sexuellem Kindesmissbrauch in Deutschland. Darunter fällt zum Beispiel Missbrauch in Institutionen, in Familien, im sozialen Umfeld, durch Fremdtäter oder im Rahmen von organisierter sexueller Ausbeutung.

Die Kommission soll Strukturen aufdecken, die sexuelle Gewalt in der Kindheit und Jugend ermöglicht haben und herausfinden, warum Aufarbeitung in der Vergangenheit verhindert wurde. Dabei wird die Kommission vor allem Menschen anhören, die in ihrer Kindheit von sexuellem Missbrauch betroffen waren und somit die Möglichkeit schaffen, auch verjährtes Unrecht mitzuteilen.

Weitere Informationen: https://www.aufarbeitungskommission.de/

 

 

 

Smartphone ist das „ultimative Tatmittel“

Es gibt immer mehr Sexattacken auf Minderjährige, oft mithilfe von Smartphones. Der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung fordert einen Straftatbestand schon für den Versuch des „Cybergroomings“ (gezieltes Ansprechen Minderjähriger durch Erwachsene über das Internet mit dem Ziel, sexuelle Kontakte anzubahnen). Rörig stellte eine Expertise mit dem Titel „Sexualisierte Grenzverletzungen und Gewalt mittels digitaler Medien“ in Berlin vor.

Link zur Pressemitteilung des Missbrauchsbeauftragten Rörig und zur Expertise mit vielen Factsheets:
https://beauftragter-missbrauch.de/presse-service/pressemitteilungen/detail/news/missbrauchsbeauftragter-roerig-stellt-expertise-zu-sexueller-gewalt-an-minderjaehrigen-mittels-digit/

Artikel in der Welt „Täter können ihre Opfer bis ins Kinderzimmer verfolgen“:
https://www.welt.de/politik/deutschland/article161266615/Wie-Taeter-ihre-Opfer-bis-ins-Kinderzimmer-verfolgen.html

Julia von Weiler, „Innocence in Danger“ sprach in der Zeit-Online von mehr als 700 000 Erwachsenen in Deutschland, die sexuelle Online-Kontakte zu Kindern hätten.
Artikel Zeit-Online „Kinder und Jugendliche besser vor Cybergrooming schützen“:
http://www.zeit.de/news/2017-01/17/medien-kinder-und-jugendliche-besser-vor-cybergrooming-schuetzen-17130604

 

iid
Für Kinderschutz im Netz muss unbedingt mehr getan werden. Es scheitert mal wieder in diesem Land an personellen, fachlichen und finanziellen Ressourcen. Und da sehe ich Bund, Länder und die Unternehmen in der Pflicht. Ziel muss es sein, Kindern und Jugendlichen eine siche­re Nutzung digitaler Medien zu ermöglichen!

Unrecht bleibt Unrecht!

Hartmut von Hentig „Noch immer Mein Leben“, Wamiki Verlag, Berlin 2016

Stellungnahme des Betroffenenrats zu Hartmut von Hentigs Buch

Artikel in der Süddeutschen Zeitung

Reformpädagogik

Unter freien Sündern

Im neuen Band seiner Autobiografie, der knapp 1400 Seiten dick ist, erklärt Hartmut von Hentig seine Position zum Missbrauchsskandal an der Odenwaldschule.

Von Volker Breidecker

Als „wunderbar erzählten Bildungsroman“ hatte Elmar Tenorth den ersten Band von Hartmut von Hentigs Autobiografie gewürdigt (SZ vom 14. März 2007). Beide Bände von „Mein Leben – bedacht und bejaht“ füllen zusammen rund 1100 Druckseiten. Damals war Hentig noch eine unumstrittene Institution dieser Republik, ein Intellektueller, der sich häufig zu Wort meldete und dessen Wort allerorts zählte. Und er war die Ikone einer modernen, aufgeklärten und reformgeleiteten Pädagogik gewesen – bis zu seinem tiefen Fall 2010 im Gefolge des Skandals um die jahrzehntelang geduldeten und vertuschten Fälle sexuellen Missbrauchs an der Odenwaldschule (OSO), dem Flaggschiff der Reformpädagogik in Deutschland.

Die Öffentlichkeit erwartete ein klares Wort zur Rolle seines Freundes Gerold Becker

Dafür war Hentig nicht verantwortlich und wurde auch von niemandem verantwortlich gemacht. Was die Öffentlichkeit von Hentig allerdings erwartete und doch nie bekam, war ein klares Wort zur Rolle seines Freundes und Gefährten Gerold Becker, der als vormaliger Leiter der OSO der Haupttäter der an Schutzempfohlenen dort begangenen sexuellen Übergriffe war. Hentig aber nahm seinen bereits todkranken Freund in Schutz, verharmloste, insinuierte gar, dass Becker womöglich selbst das Opfer minderjähriger Verführer geworden sei; und schließlich schwieg Hentig über Jahre, nachdem er im Verlauf der Affäre sein Ansehen aufs Spiel gesetzt und verloren hatte.

Jetzt aber spricht er wieder: Hartmut von Hentig hat seiner Autobiografie einen 1400 Druckseiten umfassenden dritten Band hinzugefügt. Die erzählte Dekade von 2005 bis 2015 schnurrt dann freilich vollständig zusammen auf den OSO-Skandal samt Vorgeschichte und Folgen. Im Buch nimmt deren Schilderung annähernd 1000 Seiten ein, während die übrigen Kapitel wenig anderes thematisieren als Ersatznarrative und mehr oder minder deutliche Parabeln auf die nämlichen Vorgänge. Die auf diesen Seiten erzählten Ouvertüren, Betrachtungen und Novellen umrahmen eine Bekenntnisschrift: Bekenntnis und Rechtfertigung zunächst in eigener Sache; doch geht die stolze Rechtfertigung der eigenen Position dann doch wieder über in die Verharmlosung, Verschönerung, ja sogar Verklärung der Untaten eines verantwortungslosen Triebtäters zu „Verfehlungen“ eines wahrhaft Liebenden, eines „freien Sünders“.

Doch greifen wir dem – auch wenn der Autor dies andauernd selbst tut – nicht weiter voraus, denn Hentig schreibt hier weiter an seinem eigenen Bildungsroman, in dem der tote Freund eine herausragende Rolle einnimmt, nämlich die des überhöhten Objekts einer unglücklichen, weil unerfüllten Liebe. Diese Enthüllungen, auch das erstmals ausgesprochene Bekenntnis des bald 91-Jährigen zu seiner Homosexualität, relativieren die Bedeutung der dem Freundespaar unterstellten Lebenspartnerschaft und entlasten Hentig von einer ebenfalls insinuierten Mitwisser- oder gar Komplizenschaft.

Aus der Affäre entlassen ist Hentig damit allerdings nicht. Sein erneut ausgebreiteter Lebensroman bietet ein erschreckendes Bild von Ignoranz, Sprachlosigkeit und Unaufgeklärtheit – und gesteht zugleich ein, dass ihm eine die vielfältigen Möglichkeiten und Schicksale menschlicher Sexualität bedenkende „éducation sentimentale“ fehle. Sein Buch ist ein Lehrstück dafür, wie ein umfassend gebildeter Mensch und mit ihm eine ganze Gesellschaft – die sogenannte „bessere“ vorweg – in Anbetracht der Tabuisierung von Pädophilie und Pädosexualität, von sexuellem Missbrauch und seinen Folgen, vollkommen versagen und durch Verschweigen, Wegsehen oder Verharmlosen die Leiden derer, die als Kinder zu Opfern sexueller Gewalt geworden sind, vergrößern und perpetuieren.

Hartmut von Hentig beschreibt sich selbst als einen Menschen, der noch in der Vorstellungswelt des 19. Jahrhunderts gefangen gewesen sei, die keine Sprache für die Sexualität gekannt habe. Wörter und Begriffe wie Pädophilie und Kindesmissbrauch, sexuelle Übergriffe, sexuelle Gewalt und dadurch bedingte Traumata seien jenseits seiner Vorstellung und sprachlichen Auffassung geblieben und hätten folglich auch in seiner Pädagogik keinen Platz gefunden.

In einem der blitzhaften Momente der Besinnung, an denen dieses Buch nicht arm ist, auch wenn sie dann doch folgenlos bleiben oder flugs wieder abgewehrt werden, kommt ihm die Einsicht: „Vielleicht müsste ich mich in der Tat schämen, als ‚Pädagoge‘ wenig oder gar nichts von Pädophilie, von Übergriffigkeit und ihren Folgen gewusst zu haben.“ Hätte er es getan, müsste er eigentlich zu der Erkenntnis gekommen sein, den falschen Beruf ergriffen zu haben. Denn der gegenüber Kindern stets auch eine Machtposition verkörpernde Lehrer und Erzieher sollte um solches Machtgefälle und um seine Gefährdungen wissen. Bei Sigmund Freud, zu dessen Lektüre sich Hentig gerne bekennt, hätte er auf den lapidaren Befund stoßen können: „So findet sich sexueller Missbrauch mit unheimlicher Häufigkeit bei Lehrern und Wartepersonen, bloß weil sich diesen die beste Gelegenheit dazu bietet.“

Immerhin, und da ist Hentig aufrichtig, durchzieht das Ringen um eine adäquate Sprache für Dinge, die ihm bislang unaussprechlich und unvorstellbar waren, das Buch, dem man den etwas über drei Jahre währenden Entstehungsprozess deutlich anmerkt. In einem der vielen Ersatznarrative, die sich an die Stelle dessen setzen, was Hentig nach eigenem Bekunden seinen Freund Becker zu fragen unterlassen habe, taucht das Missbrauchsphänomen in einer zehnseitigen kommentierenden Nacherzählung von Michael Hanekes Film „Das weiße Band“ auf: Im Film wird der jüngste Spross des verwitweten Landarztes eines Nachts zum Zeugen der Übergriffigkeit des Vaters an seiner 14-jährigen Tochter. Bei Hentig liest sich das so: „Der vierjährige Rudi (. . . ) irrt im Hause umher. Er stößt auf seinen Vater, der sich zweideutig mit der Tochter beschäftigt.“

Es bleibt nicht beim verquasten Sprachgebrauch. So sehr sich Hentig auch über die Rolle des Arztes im Film auslässt, die Missbrauchsszene und das Mädchen tauchen nicht mehr auf, so als habe es sie nicht gegeben, wohingegen Hentig mit Bestimmtheit darüber befindet, was der Film selbst im Ungewissen lässt: die mögliche Täterrolle von Kindern. Hentig will „viel Lesezeit und -arbeit“ in verstörende Fragen zu Kindesmissbrauch und Traumata investiert haben.

Buchhalterisch hat er für jeden der beiden Themenkomplexe je eine Woche Studium veranschlagt. Für einen nach eigenem Ermessen Unkundigen ist dies löblich, gemessen an der gewachsenen Forschungsliteratur jedoch kaum hinreichend zur Expertise. Hentig aber ficht dies nicht an, ihm genügt dieser kurze Weiterbildungszeitraum, um darüber gleich noch zum erfahrenen Traumatologen zu werden.

Im Bewusstsein ererbter Sündhaftigkeit ergeht am Ende das Gebot zur Versöhnung

Bei der amerikanischen Psychologin Susan Clancy und deren umstrittenem Buch „The Trauma Myth“ hat er die Zauberformel entdeckt, um alles, was über Traumata bislang bekannt ist und geschrieben wurde, aus den Angeln zu heben: „Dass die späte Scham über den eigenen Anteil an der Liebesbeziehung, gar über eine Einwilligung in sie der wichtigste Auslöser einer Traumatisierung ist“ – dies hätten Clancys Studien gezeigt.

Bei der erstmaligen Erwähnung solch steiler Thesen entschuldigt sich Hentig noch mit dem koketten Satz: „Ich plappere das nur nach.“ Fortan aber ist für ihn daraus ein ehernes Gesetz geworden, mit dem er gebetsmühlenartig die Zeugnisse der Opfer, alle Argumente seiner Kritiker, jeden Pressebericht zum Thema und jedes dazu erschienene Buch bis hin zu dem Abschlussbericht zweier unabhängiger Juristinnen über die Vorgänge an der OSO entwertet.

Spätestens ab der Mitte des Buches legt Hartmut von Hentig wieder den Talar eines allmächtigen Göttinger Ordinarius an, um buchstäblich alles und jeden abzukanzeln. Von da an ist der Entwicklungsroman, den dieses Buch zunächst versprochen hat, abgerissen und der lernbegierige Hentig, von dem man eben noch Einsichten, Einkehr und vielleicht sogar eine Geste der Demut erhofft hätte, schlägt in unverschämter Selbstüberhöhung um sich.

Und er begegnet den Opfern Gerold Beckers mit Infamie und ihren Zeugnissen mit dem Gestus des Großinquisitors: Heuchler und Verräter sind es in seinen Augen, gnadenlose „Rächer“ mit verkorksten Biografien, die als von fremder Hand erlittene Traumata ausgeben, was sie sich im Abstand vieler Jahre an Verletzungen entweder eingebildet haben oder was ihnen von außen – von Therapeuten, Journalisten und anderen Moralaposteln – eingeredet worden sei.

Am Ende löst sich für Hartmut von Hentig ohnehin alles in Theologie auf: Die Täter sind Opfer ihrer Triebe, die Opfer sind es nicht weniger, und Sünder sind sie alle. Im Bewusstsein ererbter Sündhaftigkeit ergeht das Gebot zur Versöhnung mit denen, die einem unabänderlichen Triebschicksal ausgeliefert sind: der „Großmacht Sexualität“.

Ohne die von Hentig beschworene „Not“ des Pädophilen in Abrede zu stellen – für sie gibt es Selbsthilfegruppen -, so hat doch kein Gott, kein Mensch und kein Kind je einen Gerold Becker dazu gezwungen, das Leid am eigenen Trieb – oder das Leid missbrauchter Kinder – durch die freie Wahl des Erzieherberufs zu vergrößern.

Kirche und Missbrauch

Kommentar von Matthias Katsch in der TAZ/30. Mai 2016
Ehemaliger Schüler des Berliner Canisius-Kollegs

Ehrliche Reue sieht anders aus

Die Aufarbeitung sexueller Gewalt in der katholischen Kirche ist noch nicht gescheitert. Sie hat noch gar nicht richtig begonnen.

Zum vierten Mal stand das Thema sexueller Kindesmissbrauch auf der Agenda eines Katholikentags in Deutschland. Obwohl es bei der Versammlung der katholischen Laienorganisationen in Leipzig einige Veranstaltungen dazu gibt, erscheint sexuelle Gewalt dort vor allem als zu bewältigendes Einzelschicksal. Auch in Leipzig wird so die Chance verpasst, endlich die systematischen Ursachen der zahlreichen Missbrauchsfälle in kirchlichen Einrichtungen, Heimen, Schulen und Pfarreien zu besprechen.

Zur Aufarbeitung sexueller Gewalt gegen Jungen und Mädchen in der Kirche gibt es kein Gesamtbild für Deutschland – und soll es wohl auch nicht geben. Die von den Bischöfen beauftragten Wissenschaftler werden erst im nächsten Jahr erste Berichte vorlegen. Die dabei genutzte Auswertung der von einigen Bistümern zur Verfügung gestellten Akten kann dabei schon jetzt getrost als gescheitert angesehen werden, weil sie, wenig verwunderlich, wenig Neues zu den zentralen Fragen beitragen können.

Wie viele Täter haben in den letzten Jahrzehnten in welchen Einrichtungen wie viele Jungen und Mädchen zu Opfern gemacht, wie groß ist dabei wissenschaftlich plausibel das Dunkelfeld? Wo liegen die Ursachen für die regelrechten Täterkarrieren und die zahlreichen Serientaten? Welche Mechanismen haben an der Verschleierung und dem Verschweigen mitgewirkt? Wer waren die Verantwortlichen? Welche Risikofaktoren lassen sich daraus für die heutigen Institutionen ableiten? Und durch welche Maßnahmen lassen sich diese Risiken reduzieren oder neutralisieren? All diesen Fragen weicht die Katholische Kirche beharrlich aus.

Auch wenn inzwischen flächendeckend Präventionsprogramme ausgerollt werden und das Thema sexuller Kindesmissbrauch damit vordergründig auf der Agenda angekommen ist: Die Ernsthaftigkeit wird zugleich dementiert, wenn Bischöfe, die im Umgang mit übergriffigen und verbrecherisch handelnden Priestern versagt haben, weiterhin im Amt bleiben. Dass in Rom als Verantwortlicher für alle Missbrauchsfälle weltweit ausgerechnet ein Kardinal steht, der in seiner Amtszeit als Bischof von Regensburg alles getan hat, um die Aufarbeitung von Missbrauch zu behindern, ist ein fortdauernder Skandal. Erst nach dem Weggang von Kardinal Müller beginnt dort endlich die überfällige Auseinandersetzung mit dem Missbrauchs- und Gewaltsystem bei den Regensburger Domspatzen.

Es geschah wenig

Andernorts wurden Berichte über Täter und ihre Taten erhoben. Doch über das Zählen der Opfer hinaus geschah wenig. Zum Beispiel um das Verständnis für die eigenen institutionellen Ursachen bei den Jesuitenschulen zu erhöhen, die 2010 Ausgangspunkt der Aufdeckungswelle waren.

Einrichtungen, die gute, wissenschaftlich fundierte Berichte erstellt haben, wie das Kloster Ettal, tun sich bis heute schwer, diese der Öffentlichkeit zu präsentieren. Wieder anderen Bistümer haben bis heute keine Berichte vorgelegt.

Die Frage der Entschädigung wartet immer noch auf eine befriedigende Lösung. Die von den deutschen Bistümern über die Köpfe der Betroffenen hinweg dekretierte „Anerkennungszahlung“ ist es nicht. Die bekannte Intransparenz setzt sich im Antragsverfahren fort. Bis heute muss jede oder jeder, der wissen will, wie viele Opfer sich bei der Kirche gemeldet haben, wie viele eine Anerkennungszahlung aktuell beantragt haben, wie viele Hilfen beantragen, die Zahlen mühsam zusammen klauben.

Die versprochenen schnellen, unbürokratischen Hilfen wurden in Einzelfällen gewährt, die Beteiligung am staatlich organsierten ergänzenden Hilfesystem EHS blieb fast unbekannt und wirkungslos.

Auch in Zukunft aber brauchen die Opfer Hilfen. Dazu muss ein Weg gefunden werden, diese in Anspruch nehmen zu können, ohne unnötig mit der Institution der Täter in Kontakt zu kommen. Vielleicht kann eine Stiftung oder ein Opfergenesungswerk, diese Aufgabe in der Zukunft übernehmen.

Ängstlichkeit und Abwehr

Der Umgang mit den Betroffenen der eigenen Institution ist nicht nur bei der Kirche immer noch von Ängstlichkeit und Abwehr geprägt. Ein offener Austausch wird verweigert. Stattdessen werden die eigenen Anstrengungen für die Prävention hervorgehoben. Eine von den Opfern immer wieder angebotene Einbindung in die kirchlichen Initiativen zum Kinderschutz hat fast gar nicht stattgefunden.

Die Fragen nach den systemischen Ursachen und unangehmen Risikofaktoren werden auch auf dem Katholikentag in Leipzig nur am Rande gestellt, etwa im Alternativprogramm der Laienorganisation Wir sind Kirche: Die Überhöhung des männlichen Priesters und der männerbündische Klerikalismus; die Ausgrenzung und Abwertung der Frauen, die verbal geschätzt werden, aber von aller Macht ausgeschlossenen sind; die leibfeindliche Moral und das dunkle Verständnis von Sexualität, die geradezu zwanghafte Fixierung auf die Sünde im Sexuellen; die durch unlebbare Vorschriften zur Sexualität von Priestern und Laien erzeugte Doppelmoral. Die mangelnde Transparenz bei innerkirchlichen Vorgängen und der Personalauswahl.

Solchen Themen, die Lehre und die Organisationsform der katholischen Kirche betreffen, wollen sich die Verantwortlichen nicht stellen. Damit dementieren sie ihre Beteuerung, man habe aus dem Skandal gelernt und wahlweise „die Opfer“ oder die „Kinder“ stünden nun im Mittelpunkt allen kirchlichen Handelns.

Ehrliche Reue sieht anders aus. Eine wirkliche Entschuldigung bei den Opfern, die von diesen angenommen werden kann, verbunden mit dem Willen zur Wiedergutmachung, hat es nie gegeben. Der sogenannte Bußakt der Bischöfe von 2012 war an Gott gerichtet, nicht an die vor dem Dom in Paderborn versammelten Heimkinder und die zahlreichen Missbrauchsopfer.

Fragen was war

Wirksame Aufarbeitung muss dreierlei leisten: Erheben was war, die Ursachen für das Geschehene offenlegen und den Opfern Anerkennung vermitteln. Alles drei ist bislang bei der Aufarbeitung sexueller Gewalt gegen Kinder und Jugendlichen in Einrichtungen der katholischen Kirche in Deutschland nicht gelungen.

Die Aufarbeitung sexueller Gewalt in der Kirche ist noch nicht gescheitert, denn sie hat noch gar nicht richtig begonnen. Die vom Staat eingesetzte Unabhängige Aufarbeitungskommission wird sicher wichtige Impulse liefern. Aber die Kirche und ihre Mitglieder müssen es auch selber wollen.

Vielleicht beim nächsten Katholikentreffen.

Link zur TAZ-Quelle: http://www.taz.de/!5308107/